Wir umfilzen Kastanien

„Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da!“

Kunstunterricht in der intensivpädagogischen Klasse 9b:

Das Umfilzen von Kastanien ist eigentlich nicht schwer, und Menschen ohne Beeinträchtigungen kommen mit etwas Geschick und Feingefühl zu einem schönen Ergebnis und schnellen Erfolgserlebnis.

Das brauchen wir: Kastanien, Filzwolle, Olivenseife in warmem Wasser aufgelöst und ein Tuch. 

Und so geht es: Etwas Wolle wird fein gezupft, um eine Kastanie gewickelt und in die Olivenseifenlauge eingetaucht. Dann wird gefilzt: Durch zunächst vorsichtiges Rollen zwischen den Händen filzt die Wolle an, und das Rollen kann mit immer mehr Druck geschehen. Zum Schluss bewegt man die umfilzte Kastanie auf einem Tuch, um die restliche Flüssigkeit herauszulösen.

Fertig ☺

Das schaffen wir auch in der 9b. 

Ich möchte euch heute von unserem Kunstunterricht berichten, in dem alle unsere Schülerinnen und Schüler trotz ihrer Beeinträchtigungen an dem oben beschriebenen Gestaltungsprozess beteiligt werden können und diesen wertvoll unterstützen. Wir schauen bei der Planung genau, was jedem Schüler und jeder Schülerin möglich ist und was die Tagesform zulässt. Alle Schüler und Schülerinnen werden dabei durchweg von einem Erwachsenen aus dem Klassen-team begleitet. 

Beim Kastanien-Umfilzen können neben vielfältigen sensorischen Anregungen auch viele basale Erfahrungen mit den Händen gemacht werden. Es lässt sich so viel erleben!

Hier passt es gut, wenn man sagt: „Der Weg ist das Ziel.“

Es geht los: Wir treffen uns rund um unseren Aktionstisch. Tom, Luce und Jana stehen dabei oft in ihren Stehtrainern und haben einen guten Überblick. Zozan ist auf einem Lagerungskissen angenehm positioniert. Ruhige Musik läuft im Hintergrund.

Die Kastanien: Amars Hände sind schon in Bewegung, er „badet“ seine Hände in Kastanien, die in einem Korb liegen. Er taucht tief in die Menge ein. Das Bad ist kühl, die Kastanien glatt. Ein besonderes Geräusch ist auch zu hören. Nach ihm kommt jemand anderes dran mit diesem Erlebnis-Bad. Nacheinander halten fast alle Schüler*innen mal eine Kastanie in der Faust fest. Einige Schülerinnen und Schüler öffnen die Hand willentlich, und die Kastanie plumpst heraus. Manche erleben dabei, dass sie selbst die Ursache sind für das klackernde Geräusch auf dem Boden und lachen.

Tom, Jana und Niels holen selbstständig jeweils eine einzelne Kastanie aus einer Menge heraus und geben diese an einen Erwachsenen weiter, damit dieser mit dem Filzen beginnen kann. Alle anderen schaffen dies mit Hilfe auch. 

Die Wolle: Sarah, Lina und Zozan halten nacheinander den Sack mit Filzwolle auf dem Schoß und tragen somit die „Verantwortung“ für unsere „Woll-Material-Station“. Die Wolle lässt sich auch gut zwischen Körper und Rollstuhl stopfen, wenn das mit dem Festhalten mal nicht so gut klappt. Wer filzen möchte, muss also dort vorbei und erstmal Kontakt aufnehmen. Alle Schülerinnen und Schüler greifen auch mal in den Sack mit Filzwolle und holen ein Stück heraus. Sie erleben: Die Wolle ist weich und kitzelt etwas, wenn sie die nackte Haut an den Händen und an den Armen berührt. Sie riecht nach „Schaf“.

Das Filzen: Fast alle Schüler und Schülerinnen suchen zwischen zwei präsentierten, unterschiedlich farbigen Wollstücken eine Farbe aus, mit der gearbeitet werden soll. Aussuchen durch Blicke oder durch Hingreifen. Tom und Jana halten jeweils ein Stück Filzwolle fest und zupfen mit den Fingerspitzen der anderen Hand kleine Stücke ab. Alle anderen versuchen sich im Zupfen mit Unterstützung. Jana nimmt kleine Woll-fetzen, die vor ihr liegen, mit Pinzettengriff vorsichtig auf und gibt diese nach und nach an einen Erwachsenen weiter. 

Der schon angefilzte Filz-Kastanien-Ball wird auf der Handfläche unserer Schüler  und Schülerinnen weitergerollt.

Beim Filzen entsteht Schaum. Dieser riecht nach Wolle, Olivenseife und Wärme. Die Finger und Hände werden warm, nass und glitschig. Außerdem lässt sich mit dem Schaum auf dem Tisch herummatschen. Einige sind davon ganz begeistert, andere ziehen die Hände schnell wieder weg.

Die fertig umfilzte Kastanie rollt schließlich als kleiner Massageball in kreisenden Bewegungen von der einen Hand unserer Schülerinnen und Schüler den Arm hoch und über die Schulterbrücke wieder herunter entlang des anderen Armes zur anderen Hand. Die umfilzte Kastanie wird angefasst und angeschaut. Sie ist rund, etwas rau, sieht schön aus und wird zu den anderen gelegt, die schon fertig sind.

Fertig ☺

Unser Fazit: Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass sich in solch einer Filz-Runde eine besondere Stimmung ausbreitet. Alle sind beschäftigt, haben eine Aufgabe im Gestaltungs-prozess und tragen so zum Gestaltungsergebnis bei. Jeder/jede ist wichtig und erlebt sich als Teil einer Gemeinschaft, die gemeinsam auf einem Weg ist, ein schönes Produkt zu erschaffen und zu gestalten. Am Schluss können alle auf das Ergebnis stolz sein.

Für die Klasse 9b 

Angela Sleegers

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